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Energie & Industrie

Kohleausstieg und Versorgungssicherheit: Die Lücke in der Mitte

Der Streit um den Kohleausstieg dreht sich selten um das Ob und fast immer um die Reihenfolge. Entscheidend ist, ob Ersatzkapazität bereitsteht, bevor gesicherte Leistung abgeschaltet wird.

Veröffentlicht am 6. Mai 2026 · Redaktion Mittelstandskompass

Gesicherte Leistung ist etwas anderes als installierte Leistung

Installierte Leistung beschreibt, was Anlagen unter Idealbedingungen liefern können. Gesicherte Leistung beschreibt, worauf sich ein Netzbetreiber zu jedem Zeitpunkt verlassen kann. Zwischen beiden Größen liegt bei wetterabhängiger Erzeugung ein erheblicher Abstand.

Das ist kein Argument gegen erneuerbare Erzeugung, sondern eine Planungsgröße. Ein System, das Erzeugungsspitzen exportiert und in Schwachlastphasen importiert, braucht entweder Speicher, steuerbare Reservekraftwerke oder verlässliche Nachbarn. In der Regel braucht es alle drei.

Warum stillgelegte Kraftwerke nicht einfach wieder anlaufen

Ein konventionelles Kraftwerk lässt sich nicht wie ein Gerät ein- und ausschalten. Nach einer längeren Stilllegung fehlen Personal, Betriebsgenehmigungen, Brennstoffverträge und häufig auch die Instandhaltung. Die Wiederinbetriebnahme dauert Monate und kostet ein Vielfaches der laufenden Vorhaltung.

Deshalb arbeiten Reservemechanismen mit bezahlter Vorhaltung: Anlagen bleiben betriebsbereit, ohne am Markt teilzunehmen, und werden vom Netzbetreiber abgerufen. Das ist teurer als Stilllegung und billiger als Wiederhochfahren.

Die drei Ersatzpfade

Gaskraftwerke

Schnell regelbar und mit vergleichsweise kurzer Bauzeit, aber brennstoffabhängig und im Betrieb teuer. Investoren bauen nur, wenn ein Marktdesign die Vorhaltung vergütet, denn ein Kraftwerk mit wenigen hundert Betriebsstunden im Jahr refinanziert sich nicht über den Strompreis.

Speicher

Batteriespeicher decken Stunden ab, nicht Wochen. Für kurzfristige Schwankungen sind sie inzwischen wirtschaftlich, für längere Schwachwindphasen nicht. Saisonale Speicherung ist technisch möglich, aber in den erforderlichen Größenordnungen bislang nicht verfügbar.

Netzausbau und Import

Ein größerer Verbundraum glättet Schwankungen, weil Wetterlagen regional verschieden sind. Das setzt Leitungen voraus, deren Bauzeit in Jahrzehnten und nicht in Legislaturperioden gemessen wird, und es verlagert einen Teil der Versorgungssicherheit ins Ausland.

Was für Betriebe daraus folgt

Für energieintensive Produktion ist weniger der Durchschnittspreis entscheidend als die Frage, wie oft und wie lange Spitzenpreise auftreten. Lastmanagement, also die Fähigkeit, Verbrauch zeitlich zu verschieben, wird damit selbst zu einem Ertragsfaktor und kann über individuelle Netzentgelte vergütet werden.

Wie sich die Kostenbestandteile im Einzelnen zusammensetzen, steht im Beitrag zu Strompreisen, Umlagen und Netzentgelten.

Häufige Fragen

Was ist gesicherte Leistung?

Die Erzeugungsleistung, auf die sich ein Netzbetreiber zu jedem Zeitpunkt verlassen kann. Bei wetterabhängiger Erzeugung liegt sie deutlich unter der installierten Leistung.

Warum kann man stillgelegte Kraftwerke nicht schnell reaktivieren?

Weil Personal, Genehmigungen, Brennstoffverträge und Instandhaltung fehlen. Die Wiederinbetriebnahme dauert Monate und ist teurer als die laufende Vorhaltung in einer Reserve.

Können Batteriespeicher Kraftwerke ersetzen?

Für kurzfristige Schwankungen im Stundenbereich zunehmend ja. Für längere Schwachwindphasen über Tage oder Wochen stehen die erforderlichen Kapazitäten bislang nicht zur Verfügung.